Antidepressiva – wenn die Stimmung im Keller ist?

eine kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Antidepressiva und eine mögliche ayurvedische Alternative von Hans H. Rhyner

Soll man das Gehirn behandeln, wenn die Psyche krank ist, fragt der bekannte Pharmazeut und Autor Felix Hasler in seiner Streitschrift „Wem helfen Pillen?“

Jede Menge kontroverser Studien teilen das Lager der Befürworter und der Gegner. Warnen tun sie aber alle davor, dieselben Mittel plötzlich abzusetzen oder zu reduzieren, da dies zu erheblichen psychischen oder physischen Reaktionen führen soll. 

Ja super, da hat die Pharmaindustrie das Huhn, das goldene Eier legt, erfunden. Man springt von der nächsten Klippe, wenn man sie einmal genommen hat und dann absetzt. Die logische Folgerung: Wir müssen alles unternehmen, damit wir niemals in eine Situation geraten, in der wir dieses Teufelszeug einnehmen müssen! Die Chance, dass dem aber so ist, wird leider von Jahr zu Jahr kleiner, denn in Ländern mit überdurchschnittlich hohem Einkommen leiden früher oder später 15 % der Bevölkerung an einer depressiven Störung. In der Schweiz rechnet man sogar mit einem Anteil von 20 %. 

©Ayurveda Days

Hasler schreibt: „Die Reduktion psychischer Störungen auf eine gestörte Chemie des Gehirns hat zu einer massenhaften und oft unkritischen Verschreibung von Medikamenten geführt. Ganz besonders bei der Behandlung der «Volkskrankheit» Depression: Gerade die Antidepressiva standen lange Zeit im Ruf, zuverlässige, sichere und nebenwirkungsarme Medikamente zu sein. Doch immer mehr Fachleute kritisieren die biologische Psychiatrie genauso wie den flächendeckenden Einsatz von Psychopharmaka. Einige sprechen gar von einem «Fundamentalirrtum» und behaupten, die bevorzugte Behandlung depressiver Störungen mit Medikamenten habe zu einer Chronifizierung der Krankheit geführt, im schlimmsten Fall gar zur Invalidisierung von Patienten.“

In meiner Praxis arbeite ich mit zwei Psychiatern zusammen, die nicht dem Megatrend der Verschreibungswut folgen. Es ist ein trauriger Fakt, wie viele psychisch Kranke völlig invalidisiert sind. Das ist nicht nur ein Problem für die Betroffenen, sondern auch eine Belastung für das Sozialwesen. Der eine Arzt erzählte mir, dass wenn er eine invalide Patientin oder Patienten wieder in ein normales Leben zurückführen könne, dies eine Ersparnis für den Staat von 1.2 Millionen Euro bedeute. Wie also können wir depressiven Menschen ganzheitlich helfen?

Den Begriff Depression finden wir in der klassischen Ayurveda Literatur als Vishada unter der Gruppe von Unmada – psychische Erkrankungenbeschrieben. Die drei Omnisubstanzen (triguna) bestimmen die Qualität der Psyche: Unter Einfluss der hellen, positiven Energie sattvaist sie besonnen, ruhig, idealistisch, nicht selbstzentriert, unter Einfluss der aktiven Energie rajasist sie leidenschaftlich, ehrgeizig, zielgerichtet, emotional und unter der trägen, dunklen Energie tamaswirkt sie uninteressiert, ignorant und unbeweglich. Wenn die beiden letzteren rajasund tamasdie Oberhand gewinnen, dann verursachen sie psychische Störungen. Sattvadagegen erhält und verstärkt die psychische Immunität und wirkt niemals psychopatologisch.

Als wichtigste Ursache einer psychologischen Störung werden die drei Arten von ungesundem Kontakt der Sinnesorgane mit ihren Objekten beschrieben:

  1. mangelnder Sinneskontakt
  2. extremer, einseitiger Sinneskontakt
  3. traumatisierender Sinneskontakt

©Ayurveda Days

Sie führen zu einer Zunahme von rajasund tamasund so nimmt die Pathogenese ihren Lauf, zuerst auf einer feinstofflichen Ebene, später entwickeln sich dann auch somatische Symptome. Wut, Eifersucht, Neid, Angst, Trauer, Starrköpfigkeit, Gier, Lust, Aggression entwickeln sehr viel rajasund tamasund zerstören das psychische Gleichgewicht. Deshalb lautet das wichtigste Behandlungsprinzip das Verstärken von sattva. Hierfür dienen kurative psychologische Konzepte wie das Aneignen von ganzheitlichem Wissen oder die Stärkung der psychischen Toleranz, als auch verschiedene Kräuter wie Brahmi (Bacopa monnieri), Gotukola (Centella asiatica), Jatamansi (Nardostachys jatamansi), Shankapushpi (Clitoria ternatea), Kalmus, Lavender und Johanniskraut.

Ein wichtiges Werkzeug für die erfolgreiche und anhaltende Behandlung von Depression sind Pancakarma Kuren. Dabei wird der ganze Organismus effektiv entschlackt, wobei auch die chemischen Wirksubtanzen rasch ausgeschieden werden. Die Entzugserscheinungen, die neben der eigentlichen Behandlung der Depression zwingend mit intensiver persönlicher Betreuung in einem geschützten Umfeld angegangen werden müssen, sind dabei wohl die größte Herausforderung sowie Gefahrenpotential. Deshalb dürfen Therapien, wobei Seratoninwiederaufnahmehemmer aber auch andere Antidepressiva und Beruhigungsmittel abgesetzt werden sollen, wirklich nur von kompetenten Fachleuten unter ständiger Kontrolle durchgeführt werden. 

Sehr wirkungsvolle Instrumente, die ich bei Pancakarma Kuren einsetze, sind Heilrituale sowie meditative und spirituelle Praktiken im Rahmen des Yoga Systems und Vedanta. Sie werden von den Klienten durchwegs immer sehr positiv aufgenommen. Dabei ist es natürlich notwendig, dass solche Rituale und Praktiken auf das Verständnispotential und emotionale Feld des Klienten angepasst werden.

Mehr als ein Drittel der bei mir in Behandlung stehenden Klienten leiden unter Depression. Die Erfolge, die ich täglich mit ayurvedischen Therapien erzielen kann, sind schlichtweg überwältigend und ein wunderbares Geschenk der auf allen materiellen und geistigen Ebenen wirkenden Ayurveda.

om tat sat

©Christopher Piccardi
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